Freitag, 12. März 2010

Rettung in letzter Minute für Blauflossenthun?

175 Staaten beraten in Katar über internationales Handelsverbot


Den Blauflossenthun völlig ausrotten oder in letzter Minute doch noch schützen? Vor dieser Frage stehen ab Samstag die 175 Mitgliedsstaaten der Konferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES im arabischen Wüstenstaat Katar. Dort wird in der Hauptstadt Doha darüber beraten, ob über den Fisch ein internationales Handelsverbot verhängt werden soll, weil die Bestände in den vergangenen vierzig Jahren im Mittelmeer und im Westatlantik um bis zu 80 Prozent zurückgegangen sind. Auf Vorschlag Monacos solle der Bluefin in die höchste von drei Schutzkategorien aufgenommen werden und würde damit auf einer Stufe mit Berggorillas und Meeresschildkröten stehen. Der internationale Handel mit dem Sushi-Lieferanten wäre dann verboten. National dürften die Fische aber weiterhin gefangen und verwertet werden - auch von Hobbyanglern.

Dass die EU inzwischen einstimmig dafür ist, den Thun bis zu einer Bestandserholung auf die Rote Liste zu setzen, gleicht einem Wunder. Über das Hin und Her im zuständigen Agrarministerium unter Ilse Aigner und ihrem der Fischereiindustrie wohl gesonnenen Staatssekretär Gert Lindemann habe ich hier ausführlich berichtet. Der offene Brief zahlreicher Verbände und Organisationen, darunter auch der Big Game Fishing Club Deutschland, führte jedenfalls dazu, dass Eigner sich für den Schutz des Thuns aussprach. Überdies verlor Lindemann, der langjährige heimliche Regent im Ministerium, Ende Januar überraschend sein Amt. Die Begründung in einer Pressemitteilung des Ministeriums lässt hoffen: „Der Wechsel des Amtschefs ist Teil eines grundlegenden Umstrukturierungsprozesses, mit dem sich das Ministerium für die Herausforderungen der Zukunft neu aufstellt.“

Nun sprechen die 27 EU-Staaten auf der Konferenz vom 13. bis 25. März in Katar mit einer Stimme. Um Zypern, Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland und Malta mit den weltgrößten Fisch-Mastfarmen, ins Boot zu holen, wollen die EU-Staaten den Handelsstopp aber bis 2011 aufschieben. Der europäischen Fischereilobby soll damit nochmals ein kräftiger Schluck aus der nahezu leeren Pulle gegönnt werden. Weiterer wichtiger Mitstreiter bei den Schutzplänen sind die USA.

Auf der gegnerischen Seite steht mit Japan allerdings ein mächtiger Gegner. Das Land kauft 80 Prozent des gefangenen Thuns und hat deshalb im Vorfeld der Konferenz bereits alle diplomatischen Hebel in Bewegung gesetzt, um auch mit durch Druck auf ärmere Staaten die notwendige Zweidrittelmehrheit für den Vorschlag zu verhindern. Kein Wunder: Mit dem Fisch aus dem Mittelmeer und Ostatlantik werden nach Berechnungen des WWF jedes Jahr eine Milliarde US-Dollar umgesetzt und die Bestände zusätzlich durch Schwarzfischerei ausgeplündert.

Zu den größten Versagern beim Schutz und den Kontrollen zählt die ICCAT (International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas) Die „Internationale Kommission für die Erhaltung der Thunfischbestände im Atlantik“ ist die Dachorganisation von 41 Fischereinationen, die untereinander Fangquoten nicht nur für Thune sondern etwa auch für Schwertfische vergeben. Weil sich die ICCAT dabei verhält, wie eine Runde Alkoholiker mit Blick auf die letzte Flasche Schnaps steht das Kürzel ICCAT bei Umweltschützern für International Conspiracy to Catch All Tuna. Übersetzt: „Internationale Verschwörung zum Fang aller Thunfische“.

Die ICCAT musste unlängst einräumen, dass von selbst von den 18.844 Tonen Bluefin, die 2009 „offiziell“ gefangen wurden, nur 43 Prozent so ordentlich dokumentiert waren, wie das unter anderm auch die EU nun streng einfordert. Zudem kam bei einem ICCAT-Treffen Ende Februar in Madrid ans Tageslicht, was Experten des WWF schon lange vermuten: Die Thunfisch-Mastfarmen rund ums Mittelmeer dienen zum Weißwaschen illegaler Fänge. Bei dem Madrider Meeting wurde bekannt, dass 560 Tonnen Fisch, die zwei algerische Schiffe dort zur Mast angeliefert hatten, illegal gefangen worden waren. Die Fische waren deshalb im Januar 2010 nach halbjähriger Gefangenschaft in die Freiheit entlassen worden. Weitere 262 Tonnen illegal gefangener Blauflossenthune wurden auf Malta freigelassen.

Zudem räumte Japan nach Vorwürfen auch vom WWF inzwischen offiziell ein, mehr als 2200 Tonnen gefrorenen Fisch von vermutlich „illegaler Herkunft“ gekauft zu haben. Der Großteil der Fische kam aus maltesischen Mastfarmen und wurde von französischen und italienischen Schiffen gefangen. Japan will diese 2200 Tonnen nun zurückschicken.


Die ICCAT senkte die offizielle Fangquote für 2010 nun von 19.500 auf 13.500 Tonnen.
Nach Angaben des Wissenschaftlerstabs der ICCAT würde selbst bei einer streng kontrollierten Quote von 8000 Tonnen die Chance auf eine Erholung der Bestände im Ostatlantik nur bei 50 Prozent liegen. – Die Konferenz in Doha, so scheint es, ist die allerletzte Chance für den Blauflossenthun: "Noch zwei bis fünf Jahre Überfischung, dann ist es zu spät", sagt Sue Liebermann von der Umweltschutzorganisation Pew Environment Group.

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